„Lucretia” – Lucas Cranach d. Ältere
1525, Gemäldegalerie in Berlin


Wir nähern uns einem kleinen Bild, welches eingeklemmt zwischen großen Formaten schwer zu finden ist. Nach einer Stunde hat es seine ganze erschütternde Kraft entfaltet und überstahlt alle Werke die sonst noch im Raum hängen. Sie ist die Größte.
Die Erlebensprozesse beginnen meistens mit einem großen Schrecken. „Oh Gott, was ist da bloß geschehen?”. Da steht ein ganz junges Mädchen mutterseelenallein auf dem „Mond”. Sie steht dort völlig schutzlos, nackt, auf hartem, steinigen Untergrund. Was mag diesem Mädchen zugestoßen sein? Sie macht uns aber auch Angst. Wirkt unheimlich, wie ein Alien mit deformierten Füssen und gruseligem Kopf. Gleichzeitig ist sie aber auch wunderschön, zart und verführerisch. Als Betrachter sind wir verwirrt, können sie nicht wirklich fassen, einordnen oder einschätzen. Erst nach einer Weile bildet jeder für sich eine Geschichte heraus, in der sich die widersprüchlichen Erlebnisformen in ein Nacheinander fügen.
Prototypisch könnte man eine Geschichte folgendermaßen formulieren: Sie ist ein reines und edles Wesen, dem Allerschlimmstes zugefügt worden sein muss. Sie wurde erniedrigt, sie wurde vergewaltigt, beraubt, versklavt. Sie ist an einem Punkt angelangt, von dem aus es vermeintlich nicht mehr weiter geht. Sie steht an einem Abgrund und wir sind mittlerweile voller Mitleid. Doch dann dreht sich das Ganze: wir fühlen uns von ihr angriffen, unter Druck gesetzt, erpresst. Sie wird zu einer in die Ecke gedrängten Löwin. Und nun wird der Dolch manchmal erst sichtbar oder bekommt seine besondere Bedeutung. „Noch einen Schritt weiter und ich steche zu!”  droht sie uns und zieht uns damit in ihren Bann. Sie beherrscht uns auf diese Weise und macht uns aggressiv, aber auch traurig.
Zum psychologischen Gehalt des Werkes kann man somit Folgendes sagen: Während des Erlebensprozesses machen wir analog zur Lucretia als Betrachter eine Krisenerfahrung durch: wie ist es, wenn ich nicht mehr weiter weiß, wenn alles zu Ende scheint, alles was mir lieb und heilig war zerstört ist? Schaffen wir es so aufrecht und stolz zu bleiben wie die kleine Lucretia und mit einer entschlossenen Tat die Widersacher in den Untergang zu zwingen? Selten haben wir vor einem Bild gesessen das uns dermaßen mitgenommen hat, was uns so intensiv nachgeht und uns in die Abgründe des Daseins stürzt. Sie weißt uns aber auch einen Weg wieder hinauf ins Licht und ist uns somit ein Vorbild, welches man lange mit Bewunderung und Liebe im Sinn behält.

„Lucretia” – Lucas Cranach d. Ältere

 

ZUR BEACHTUNG:
Die Bildanalysen sind entstanden durch die wissenschaftliche Beschreibung von Erlebensprozessen der Teilnehmer an BILDERLEBEN-Workshops. Nur durch einen Erlebensprozess bekommt man einen Zugang zum Kunstwerk. Die Beschreibung öffnet den Betrachtern den Weg zur Struktur des Werkes, die im Alltag unbewusst ist.

Verwendung der Bilder unter CCC-Licence.