Stefan Lochner, Weltgericht (1435),
Wallraf-Richartz-Museum, Köln


Alle müssen durch die Mitte. Und Jesus, der mit Maria und einem Jünger über allem thront, sortiert. Da müssen wir alle durch! Da wird gejammert und gebibbert. Die Menschen schluchzen, bitten und flehen. Wir haben doch alle „Dreck am Stecken“.
Wir werden sortiert in „Gute und in Böse“. Die Guten sind alle ganz weiß, blond, brav, rein und zufrieden. Sie werden von Engelchen in Empfang genommen und vom Betrachter aus links in eine schlossartige Kirche geleitet.
Nach rechts kommen alle Bösen, Säufer, Zocker, Gierige, Völler, Wolllustige. Sie werden von monsterartigen Dämonen gepackt und ins Feuer gezogen.
Nach einer kurzen Weile dreht sich die erste Festlegung jedoch und die Betrachter erleben die „Guten“ als langweilig. Rechts bei den „Bösen“ ist viel mehr los. Da ist das pralle Leben, das macht Spaß.

Die „Guten“ erscheinen selbstgerecht, angepasst und freudlos. Die werden da richtig eingepfercht. Das beginnt gruselig zu werden, gar nicht erstrebenswert.
Nachdem zunächst die Festlegung von gut und böse aufgelöst wird, und im Gegenteil, plötzlich das „Böse“ anziehend wirkt und das „Gute“ abstoßend, geraten wir nun in ein hin und her gerissen sein, welches auf dem Bild durch den Kampf von guten und bösen Engeln um einzelne Personen festgemacht werden kann. In diesem hin und her beginnen wir uns selber zu hinterfragen. Wo stehe ich? Wo habe ich mich versündigt? Wo will ich mich versündigen? Bin ich noch zu retten? Und eröffnen somit unser eigenes kleines Weltgericht, die Bilanz unseres Gewissens!

Stefan Lochner, Weltgericht

 

 

ZUR BEACHTUNG:
Die Bildanalysen sind entstanden durch die wissenschaftliche Beschreibung von Erlebensprozessen der Teilnehmer an BILDERLEBEN-Workshops. Nur durch einen Erlebensprozess bekommt man einen Zugang zum Kunstwerk. Die Beschreibung öffnet den Betrachtern den Weg zur Struktur des Werkes, die im Alltag unbewusst ist.

Verwendung der Bilder unter CCC-Licence.