Mattia Preti, Judith mit dem Kopf des Holofernes (ca. 1660),
Wallraf-Richartz-Museum, Köln


Zunächst beschreiben die Betrachter ein einfaches, reines, unschuldiges und sauberes Mädchen, das hell erstrahlt. Aber da ist doch irgendwas Schlimmes passiert! Die anderen schauen so entsetzt und fassungslos und erstaunt. Und tatsächlich, sie hält ein Schwert in der Hand und einen Kopf am Schopf. Wir suchen nach Erklärungen. Wer ist dieser Mann, der grimmig, doch auch irgendwie zufrieden wirkt? Ist das ein Böser? Wieso hat man ihm den Kopf abgeschnitten? Wie ist es dazu gekommen und wer hat das getan? Aber immer noch bleibt es so sauber. Das Schwert ist poliert. Und auch bei dem abgeschnittenen Kopf sieht man gar kein Blut.

Es ist erstaunlich zu sehen, wie die Betrachter unserer heutigen Kultur (2013) den Eindruck des Sauberen und die entsetzliche Tat getrennt halten. Das Mädchen ist nicht schuldig, sie hat sich nicht versündigt. Sie hat ihn nicht verführt, sie hat sich ihm nicht hingegeben, sie hat nicht gewartet bis er eingeschlafen ist und hat ihm auch nicht den Kopf abgeschnitten. Die steht auf einer Bühne und hält Schwert und Kopf nur hoch, wie Requisiten. Nur selten wird dieses junge Mädchen mit der ungeheuren Entschiedenheit der Mordtat in Zusammenhang gebracht. Was die für einen Mut gehabt haben muss! Offensichtlich wollen wir uns heute die Hände nicht mehr schmutzig machen.

Mattia Preti, Judith mit dem Kopf des Holofernes (ca. 1660)

 
 

ZUR BEACHTUNG:
Die Bildanalysen sind entstanden durch die wissenschaftliche Beschreibung von Erlebensprozessen der Teilnehmer an BILDERLEBEN-Workshops. Nur durch einen Erlebensprozess bekommt man einen Zugang zum Kunstwerk. Die Beschreibung öffnet den Betrachtern den Weg zur Struktur des Werkes, die im Alltag unbewusst ist.

Verwendung der Bilder unter CCC-Licence.