Pablo Picasso, Femme à la pousette
Museum Ludwig, Köln


Man sieht etwas Alltägliches und Vertrautes. Eine Mutter mit Kind im Kinderwagen. Doch das, was wir heutzutage (März 2013) mit dem perfekten Mutterglück und Kindersegen aus der Werbung in Verbindung bringen, wird im Zusammenhang mit diesem Kunstwerk zunächst nicht erlebt. Im Gegenteil! Die in der Werbung idealisierte Symbiose von Mutter Kind existiert nicht in der Realität. Es handelt sich immer um zwei Einzelwesen, die höchst ambivalent zueinander stehen und nur für kurze Momente eine Einheit bilden. Die Mutter ist kalt, lieblos und emotionslos. Sie ist nur mit sich selbst beschäftigt, ihrem Aussehen, ihrer Karriere und ihren eigenen Problemen. Ihre Arme können nicht halten und schützen, sondern nur festhalten und zerdrücken, oder loslassen und wegstoßen. Die Mutter instrumentalisiert das Kind als Statussymbol (Superwoman hat neben dem Job auch noch ein perfektes Kind), oder sie vernichtet es auf jede erdenkliche Weise, weil es nicht in ihr Programm passt. Aus dieser Perspektive kann das Kind nur missraten. Es wirkt wie totes leeres Knochenmaterial. Es ist ein böses Kind. Aus der Perspektive des Kindes fallen dem Betrachter Attribute ein wie: Das Kind ist unersättlich und will nur haben. Das einzig Wichtige an der Mutter sind die Kuchenförmchenbrüste. Das Kind sieht die Mutter als monströse Versorgungsmaschine. Zurzeit sind wir es gewöhnt, zum Beispiel aus der Werbung, dass alles gleichzeitig möglich ist, sein soll, oder muss! Diesem gewünschten Bild gegenüber machen wir durch die Skulptur eine Fremderfahrung. Die Skulptur zwingt uns, die sonst abgewehrten, ungeliebten Schattenseiten des Mutter-Kind-Daseins zur Kenntnis zu nehmen und sich damit auseinanderzusetzen.

Text von: Hans-Christian Heiling, Angela Liepe, Kerstin Zaunbrecher, Alice Schamong

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ZUR BEACHTUNG:
Die Bildanalysen sind entstanden durch die wissenschaftliche Beschreibung von Erlebensprozessen der Teilnehmer an BILDERLEBEN-Workshops. Nur durch einen Erlebensprozess bekommt man einen Zugang zum Kunstwerk. Die Beschreibung öffnet den Betrachtern den Weg zur Struktur des Werkes, die im Alltag unbewusst ist.

Verwendung der Bilder unter CCC-Licence.